Was ist eigentlich Country im Jahr 2026? Die Antwort wird mit jeder Ausgabe unserer Music Picks ein bisschen länger – und genau das gefällt uns. Denn zwischen klassischem Americana, Southern Rock, Soul und tief verwurzelter Roots Music verläuft längst keine saubere Grenzlinie mehr. Und warum sollte sie auch?
Unsere Review-Reihe Docs Music Picks Vol. 4 führt deshalb einmal quer durch dieses wunderbar unübersichtliche Terrain. Jason James und Mo Pitney halten die Verbindung zur alten Schule, Eric Church nimmt uns mit auf die Straße, Rhiannon Giddens gräbt tief in den amerikanischen Wurzeln, Gavin Adcock dreht die Verstärker auf, und Shaboozey trifft auf den Soul von Leon Bridges. Dazu kommen Cowboys mit Augenzwinkern, eine Angelrute samt Gespräch mit dem lieben Gott – und Orville Peck, der hinter großer Inszenierung ziemlich persönliche Abgründe sichtbar macht.
Zehn Songs, zehn Geschichten und zehn ziemlich unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Was kann Country heute sein? Vielleicht ist die einfachste Antwort ohnehin die beste: Mehr als man denkt.
01 | Jason James: „Cut The Chain“
Jason James macht Country nicht „wie früher“ – bei ihm klingt es eher so, als hätte irgendwann niemand beschlossen, damit aufzuhören. Steel Guitar, diese wunderbar verletzliche Stimme und ein Song über das Durchtrennen jener Ketten, die einen viel zu lange festgehalten haben.

Der Titeltrack seines neuen Albums trägt dabei durchaus autobiografische Züge: Nach schwierigen Jahren und einer Scheidung klingt „Cut The Chain“ nach Befreiung, aber nicht nach einem billigen Happy End. Genau diese Mischung aus Schmerz und Aufbruch konnten George Jones und Hank Williams schon ziemlich gut – Jason James kann sie auch. Das ist schon ziemlich unser Favorite gleich zum Start.
02 | Mo Pitney: „God Speaks Through The Radio“
Mo Pitney erzählt von jenen Momenten, in denen plötzlich genau der richtige Song aus dem Radio kommt: im Auto, beim Angeln, in Großvaters Scheune oder genau dann, wenn man ihn am dringendsten braucht. Pitney macht daraus eine Liebeserklärung an Radio, Glauben und die beinahe magische Fähigkeit von Musik, uns im richtigen Augenblick zu finden. Für Menschen, die noch wissen, was es bedeutete, nachts Radio zu hören und auf diesen einen Song zu warten, sowieso ein Treffer. BTW: Der Doc gehört auch dazu!
03 | Riley Green: „That’s Just Me“
Akustische Gitarre, eine gute Geschichte und ein Typ, der zugibt, emotional noch nicht dort angekommen zu sein, wo die ehemalige Partnerin offenbar längst ist – fertig. Riley Greens „That’s Just Me“ ist gleichzeitig der Titelsong seines neuen Albums und wurde von Green allein geschrieben. Gerade diese Unaufgeregtheit macht den Song stark: moderner Nashville-Country, der seine traditionellen Wurzeln nicht verstecken muss.
04 | Ruby Dice feat. Filthy Casual: „Cosplay Cowboy“
Jetzt wird der Staub ein bisschen bunter. Ruby Dice kommt aus Austin und verbindet Country und Roots mit Blues, Rock und einer gehörigen Portion Eigenwilligkeit. „Cosplay Cowboy“ passt wunderbar dazu: weniger ehrfürchtiger Blick auf den Mythos Cowboy als augenzwinkernder Seitenhieb auf all jene, die sich dessen Uniform überziehen. Gemeinsam mit Filthy Casual entsteht daraus einer dieser Songs, die daran erinnern, dass Country abseits von Nashville manchmal wesentlich interessanter sein kann.
05 | Eric Church: „On The Road“
Eric Church blickt zurück – auf Red Rocks, auf Tausende von Gesichtern, auf Kris Kristofferson, Willie Nelson und George Strait, aber auch auf die dunklen Augenblicke eines Lebens auf Tour. „On The Road“ ist deshalb kein romantischer Highway-Song über Freiheit und Sonnenuntergänge, sondern die Bilanz eines Mannes, der einen erheblichen Teil seines Lebens auf Bühnen und zwischen ihnen verbracht hat. Church spielte das Stück bereits 2023 live; erst im September 2026 bekam es seine offizielle Veröffentlichung. Vielleicht einer seiner persönlichsten Roadsongs.
06 | Gavin Adcock: „Rockstar Life“
Der Titel sagt eigentlich schon alles. Gavin Adcock gehört zu jener jüngeren Country-Generation, die Southern Rock, Country und das Selbstverständnis eines Rockstars wieder ziemlich hemmungslos zusammenwirft. „Rockstar Life“ will deshalb gar nicht erst nach stiller Veranda klingen: mehr Verstärker, mehr Attitüde, mehr Dreck unter den Stiefeln. Zwischen den nachdenklicheren Songs dieser Ausgabe ist das genau die richtige Dosis Krawall.
07 | Rhiannon Giddens: „Carolina Rain“
Und plötzlich öffnet sich die Landschaft. Gemeinsam mit Dirk Powell schrieb Rhiannon Giddens einen Song über Heimat, Zeit, Liebe und die Erkenntnis, dass das, was wir jahrelang jagen, vielleicht gar nicht das ist, was am Ende zählt. Musikalisch führt „Carolina Rain“ tief hinein in die Roots der Carolinas, ohne daraus ein Museum zu machen. Banjo, Fiddle, Accordion und Giddens’ unverwechselbare Stimme verbinden Vergangenheit und Gegenwart – und erinnern daran, wie viel größer die Geschichte amerikanischer Country- und Roots-Musik ist als Nashville allein.
08 | Skip Ewing: „Me & God and a Fishing Pole“
Manchmal braucht ein guter Country-Song erstaunlich wenig: einen Mann, eine Angel und ein Gespräch mit dem lieben Gott. Skip Ewing macht daraus keine große Predigt, sondern einen stillen Song über Natur, Vergänglichkeit und jene Momente, in denen das Leben plötzlich wieder überschaubar wird. Ewing selbst nennt Angeln, Reiten in der Wildnis Wyomings und den Blick in den Sternenhimmel als jene Augenblicke, die ihn Gott näherbringen. Vielleicht ist genau deshalb „Me & God and a Fishing Pole“ einer dieser Songs, die ganz leise kommen – und erstaunlich lange bleiben.
09 | Shaboozey feat. Leon Bridges: „Burn It Down“
Country trifft Soul – und keiner der beiden muss sich dafür verkleiden. Shaboozey bringt seinen ohnehin grenzenlosen Blick auf Americana mit, Leon Bridges jene warme texanische Soul-Stimme, die man nach wenigen Sekunden erkennt. Das Ergebnis ist ein atmosphärischer Grenzgänger, produziert unter anderem von Shaboozey selbst und geschrieben mit Bridges und weiteren Co-Autoren. „Burn It Down“ zeigt ziemlich perfekt, warum wir bei den Country Picks die Türen inzwischen weit offen lassen: Roots Music war nie so eindimensional, wie manche Playlists uns glauben machen wollen.
10 | Orville Peck: „Already Gone“
Fröhlicher Country, ein beinahe grotesk gut gelauntes Video – und dahinter eine ziemlich finstere Geschichte. „Already Gone“ verarbeitet jene Phase in Orville Pecks Leben, in der Alkohol und Drogen längst mehr als nur Begleiter geworden waren und der Weg schließlich in die Entzugsklinik führte. Gerade der Gegensatz macht den Song so stark: Peck inszeniert den Absturz beinahe als Musical, während darunter Einsamkeit, Kontrollverlust und Selbstzerstörung lauern. Sein neues Album Mule ist sein bislang autobiografischstes Werk – und Already Gone öffnet dafür eine Tür, die ziemlich weit ins Innere führt.
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